„Berufliche Bildung –Hat unsere Jugend eine Chance“?

Datum: 25.02.2005, 11:43 Uhr  |  Alle: Anträge | Termine | Pressemitteilungen

Podiumsdiskussion mit Fachleuten in Hennef

Jeder Jugendliche, der ein Praktikum absolviert hat und im Bewerbungsgespräch gutes Benehmen und Interesse zeigt, hat gute Aussichten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das war die übereinstimmende Meinung von sechs Fachleuten aus Schule, Wirtschaft und Politik, die auf Einladung der Hennefer Frauen-Union (FU), der CDA, der Jungen Union und der Mittelstandsvereinigung über das Thema „Berufliche Bildung - hat unsere Jugend eine Chance“ diskutierten. An der Podiumsdiskussion im „Sieg-Rheinischen-Hof“ nahmen knapp 100 Besucher teil.

Hans-Peter Lindlar MdL („diese Veranstaltung ist unser Start in den Landtagswahlkampf“) stellte eingangs fest, dass angesichts von 1,2 Mio. Arbeitslosen in unserem Land, 110 Mrd. Schulden und 5,8 Mio. ausgefallenen Unterrichtsstunden die Fragestellung große Berechtigung habe. Claudia Wiemann, stellvertretende Schulleiterin des Berufskollegs Leverkusen und im Hennefer FU-Vorstand, stellte als Moderatorin provozierende Thesen an die Referenten, um die Diskussion in Gang zu bringen: „Wir finden keinen Ausbildungsplatz, sagen viele Jugendliche, die Unternehmen klagen, sie fänden keine ausbildungsfähigen Jugendlichen. Haben die jungen Leute keinen Bock? Werden sie falsch vorbereitet? Sind die Anforderungen zu hoch?“ „In unserem Unternehmen haben wir große Probleme, qualifizierte Auszubildende zu bekommen“, berichtete M. Singethan, Personalleiter der Hennefer Conet AG. Deshalb biete die Firma 15-/16-jährigen Jugendlichen Praktikas an, um sie frühzeitig an den Beruf heranzuführen. Ferdinand Bolduan, Vorstand der Sparkasse Hennef, stellte fest, dass Anzahl der Bewerbungen und die Qualität der Bewerber im Laufe der letzten Jahre stark gesunken seien. „Die Zeugnisse sind gut, aber die Ergebnisse der Eignungstest teilweise niederschmetternd“, so der Bankkaufmann. MdL Michael Solf, Mitglied des Schulausschusses im NRW-Landtag, auf die Frage, ob die Schule Schuld sei: „Die Jugend in unserem Land ist entwöhnt worden, was Leistung betrifft“, beklagte er und wies auf den neuesten Beschluß hin, dass es in Zukunft bis zum 3. Schuljahr auf den Zeugnissen keine Noten mehr geben soll, weil die Regierungs-Mehrheit der Meinung sei, Noten und Leistungen würden Kinder zu stark unter Druck setzen. K. Richter, Schulleiter des Berufskollegs Hennef, stellte fest, dass Leistung von heute nicht mehr vergleichbar sei mit Leistung von vor 30 Jahren. „Aber wir reagieren auf Probleme von heute mit einer Ausbildung von gestern“. Er plädierte dafür, Jugendliche mit handwerklicher Begabung schon ab der 8. bzw. 9 Klasse dem Berufskolleg zu übergeben. „Zu wenig Informationen über die Ausbildungs-Anforderungen und passives Verhalten bzw. fehlende Sozialkomponente“, hat die IHK Bonn/Rhein-Sieg bei vielen Azubis festgestellt, wie deren stellv. Hauptgeschäftsführer W. Brunswig darlegte. „15% der Schulentlassenen sind nicht fähig, eine Ausbildung zu absolvieren, u. a., weil sie nicht motiviert sind“, meinte Kreishandwerksmeister F. Feld. Auch er plädierte nachhaltig für ein qualifiziertes Praktikum, gerade im Handwerk, wo im letzten Jahr die Zahl der Ausbildungsplätze um 3,2% gestiegen sei. Feld: „Jugendliche, die ein Praktikum absolvieren, haben eine gute Chance, wenn sie dabei Interesse zeigen und willig sind.“ Bei der Frage, wie fehlende soziale Kompetenz überprüfbar sei, argumentierten die „Praktiker“ Wingethan und Bolduan in die gleiche Richtung. Teamfähigkeit und Freundlichkeit seien wichtige Kriterien. „Im Praktikum und im Vorstellungsgespräch kann man schon feststellen, ob ein Bewerber zuhören kann, ob er jemanden ausreden lässt usw.“

Eine Gefahr sieht W. Brunswig im neuen Berufsbildungsgesetz, weil sie die Abkoppelung des Ausbildungssystems vom Beschäftigungssystem bekräftigt. Auch Fritz Feld bemängelte die betriebsfremde Richtung des Gesetzes und stellte kritisch fest: „Gesellen kommen heute von der Schule und haben noch keinen Tag draußen gearbeitet. Die Kreishandwerkerschaft hat jahrelang erfolgreich auch Jugendliche, die Probleme hatten ausgebildet, aber die Bundesagentur für Arbeit hat mit ihrem Zentralisierungswillen vieles kaputt gemacht“. K. Richter ergänzte noch: „Berufliche Wirklichkeit kann man nur im Betrieb kennen lernen, die kann auch keine Schule vermitteln“. Der Politiker Michael Solf scheint ebenfalls kein Freund von vollzeitschulischer Ausbildung zu sein. „Betriebe und Schule müssen auf gleicher Augenhöhe die Probleme der Jugendlichen angehen“, forderte er nachdrücklich.

Bei der Suche nach Gründen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, warum keine Autorität mehr in Schulen herrsche, warum Vorgesetzte nicht mehr ernst genommen würden, wurde immer wieder auf die Wichtigkeit der richtigen Erziehung im Elternhaus hingewiesen. Wenn es auch falsch sei, alle Schuld dem Elternhaus zu geben, das sicher nicht alle Probleme lösen könne, so wies der Schulleiter des Berufskollegs jedoch darauf hin, dass „Defizite bei Jugendlichen in den ersten 4 Lebensjahren entstehen“. In diesem Zusammenhang lobte er eine junge anwesende Mutter, die sich entschlossen hat, ihren Beruf aufzugeben und sich voll der Erziehung ihres Kindes zu widmen. „In meinem Bekanntenkreis finde ich für meine Haltung leider wenig Unterstützung“, so die junge Mutter, deren Einstellung auch MdL M. Solf ausdrücklich zustimmte und die jetzige Politik anklagte, den Eltern keine Wahlfreiheit zu bieten.

Die heutige schulische Situation beleuchtete der Landespolitiker und ausgebildete Pädagoge Hans Peter Lindlar, der die Schuld bei der jetzigen Situation weniger den Jugendlichen gibt. „In den Schulen wird oft systematisch das Bewusstsein „Leistung ist wichtig“, kaputt gemacht, weil den jungen Leuten ein falscher Eindruck vom Leben und vom Beruf vorgegaukelt wird“. Lebensnotwendige Eigenschaften würden als „ja nicht wichtig“ eingestuft. „Wenn die Zeugnisse keine Kopfnoten mehr enthalten, die Fehlzeiten nicht eingetragen sind, dann kann ein Arbeitgeber aus den Bewerbungsunterlagen wenig erkennen“, meinte er.

Die anwesenden Fachleute, die unserer Region gute Ausbildungschancen einräumten, gaben den Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, verschiedene Ratschläge mit auf den Weg:

  • für einen Arbeitsplatz ist ein Praktikum sehr wichtig,
  • die Bewerbungsunterlagen müssen in Ordnung sein (keine Rechtschreibfehler…),
  • im Bewerbungsgespräch Leistungswillen, positive Grundeinstellung und gutes Benehmen zeigen.

Die Diskussionsrunde erbrachte zwar keine grundlegenden neuen Erkenntnisse, bestätigte aber vielfach die bestehenden, bekannten Erfahrungen. Claudia Wiemann, von der CDA-Vorsitzenden Regina Osterhaus-Ehm unterstützt, erwies sich als konsequente und fachkundige Moderatorin. Leider haben sich die infrage kommenden Jugendlichen –bis auf einige JU-Mitglieder- auch von dieser Gesprächsrunde nur wenig angesprochen gefühlt.


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